Frustration gehört zum Aufwachsen dazu. Ein Turm fällt um, obwohl das Kind ihn gerade fertig gebaut hat. Ein Spiel funktioniert nicht so, wie es soll. Ein anderes Kind bekommt zuerst den roten Bagger. Oder etwas, das gestern noch erlaubt war, klappt heute plötzlich nicht.
Solche Momente sind für Kinder mehr als kleine Ärgernisse. Sie bieten ihnen die Möglichkeit, nach und nach zu lernen: Ich kann enttäuscht sein, ohne daran zu zerbrechen. Ich kann wütend werden und trotzdem weitermachen. Und manchmal muss ich akzeptieren, dass etwas anders läuft, als ich es mir gewünscht habe.
Genau hier setzt Frustrationstoleranz an.
Was bedeutet Frustrationstoleranz bei Kindern?
Frustrationstoleranz beschreibt vereinfacht gesagt die Fähigkeit, mit Situationen umzugehen, in denen ein Wunsch, ein Ziel oder eine Erwartung nicht erfüllt wird.
Dabei geht es nicht darum, dass ein Kind möglichst wenig Frust empfindet. Im Gegenteil: Frust ist eine ganz normale emotionale Reaktion. Entscheidend ist vielmehr, was nach dem ersten Frust passiert.
Kann ein Kind nach und nach wieder ins Spiel finden? Kann es Hilfe annehmen? Einen neuen Versuch starten? Eine andere Lösung finden? Oder führt die kleinste Enttäuschung sofort zum Abbruch?
Frustrationstoleranz bei Kindern ist deshalb keine feste Eigenschaft, die ein Kind entweder besitzt oder nicht besitzt. Sie entwickelt sich mit dem Alter, den individuellen Voraussetzungen und den Erfahrungen, die ein Kind im Alltag sammelt.
Warum fällt Frust manchen Kindern besonders schwer?
Kinder unterscheiden sich von Anfang an darin, wie stark sie auf Enttäuschungen reagieren und wie schnell sie wieder in einen ausgeglicheneren Zustand finden.
Auch die Entwicklung spielt eine wichtige Rolle. Besonders jüngere Kinder können starke Gefühle noch nicht so zuverlässig regulieren wie ältere Kinder. Frustration entsteht schließlich häufig genau dann, wenn ein Wunsch auf ein Hindernis trifft – und das passiert im Alltag ständig.
Eine Untersuchung mit Vorschulkindern konnte beispielsweise zeigen, dass Frustration mit messbaren Veränderungen in der Aktivität von Hirnbereichen zusammenhängt, die an der Regulation von Emotionen beteiligt sind. Die Forschenden untersuchten dabei Kinder im Vorschulalter in einer Situation, in der ihnen eine erwartete Belohnung weggenommen wurde.
Das bedeutet nicht, dass ein Kind mit einer niedrigen Toleranzgrenze einfach „schlechter mit Frust umgehen kann“. Es bedeutet vielmehr: Frustration auszuhalten ist eine Entwicklungsaufgabe.
Geringe Frustrationstoleranz bei Kindern: Ursachen können ganz unterschiedlich sein
Wenn Eltern von einer geringen Frustrationstoleranz bei Kindern sprechen, lohnt sich deshalb ein genauer Blick. Denn hinter häufigem Aufgeben oder heftigen Reaktionen können ganz unterschiedliche Dinge stecken:
- Das Kind ist noch sehr jung und kann starke Gefühle noch nicht gut regulieren.
- Eine Aufgabe ist gerade zu schwierig.
- Das Kind ist müde, hungrig oder bereits überreizt.
- Es hat bisher wenig Gelegenheit gehabt, Dinge selbst auszuprobieren.
- Es erlebt gerade besonders viele Veränderungen.
- Es hat sehr hohe Erwartungen an sich selbst.
- Oder die Situation ist tatsächlich gerade zu viel.
Auch individuelle Temperamentsunterschiede spielen eine Rolle. Deshalb sollte die Frage nicht nur lauten: „Wie kann ich die geringe Frustrationstoleranz bei meinem Kind steigern?“ Sondern auch: „Was macht diese konkrete Situation gerade so schwierig?“
Frustrationstoleranz stärken bedeutet nicht, Kinder absichtlich scheitern zu lassen
Manchmal entsteht beim Thema Frustrationstoleranz ein Missverständnis: Kinder müssten möglichst oft scheitern, damit sie lernen, damit umzugehen. So einfach ist es nicht. Ein Kind braucht Herausforderungen – aber Herausforderungen, die grundsätzlich bewältigbar sind.
Ein Puzzle mit drei Teilen kann für ein zweijähriges Kind eine spannende Herausforderung sein. Ein Puzzle mit 100 Teilen vermutlich nicht.
Frustrationstoleranz fördern bedeutet deshalb auch, die richtige Dosis an Herausforderung zu finden: Nicht alles abnehmen, aber auch nicht jede Situation unnötig schwer machen.
Kleine Frustmomente bewusst aushalten
Eine besonders hilfreiche Möglichkeit liegt direkt im Alltag. Wenn dein Kind beispielsweise versucht, einen Reißverschluss zu schließen, kannst du nicht sofort einspringen. Du könntest zunächst ein wenig warten und beobachten.
Vielleicht probiert dein Kind es noch einmal. Vielleicht braucht es irgendwann einen kleinen Hinweis. Und vielleicht kommt irgendwann der Satz: ,,Ich schaffe das nicht!“
Genau hier liegt eine wertvolle Lernmöglichkeit. Nicht unbedingt, indem du sofort sagst:„Doch, du kannst das!“, sondern indem du Raum für den Frust lässt und gleichzeitig vermittelst: „Du musst es gerade noch nicht können. Du darfst es ausprobieren.“
So wird aus einem kleinen Missgeschick eine Erfahrung: Es ist unangenehm, wenn etwas nicht klappt – aber ich kann damit umgehen.
Übung 1: Der Frust-Forscher
Für Kinder von ca. 3–6 Jahre
Hier wird Frust zu einem kleinen Forschungsauftrag. Nimm eine Aufgabe, die dein Kind grundsätzlich bewältigen kann, welche aber nicht immer sofort gelingt.
Zum Beispiel:
- einen kleinen Turm bauen
- eine Perlenkette auffädeln
- ein Puzzle zusammensetzen
- einen Ball in einen Becher werfen
- eine bestimmte Yoga-Pose ausprobieren
Wenn etwas nicht klappt, wird nicht sofort geholfen. Stattdessen fragst du:
„Was ist gerade passiert?“ „Was könntest du noch ausprobieren?“ „Möchtest du es noch einmal versuchen oder brauchst du kurz eine Pause?“
Das Ziel ist nicht, dass das Kind die Aufgabe unbedingt schafft, sondern, dass es zwischen Frust und Aufgeben einen kleinen Moment des Nachdenkens kennenlernt.
Übung 2: Der Fehler darf bleiben
Für Kinder von ca. 4–8 Jahre
Hier wird bewusst etwas „falsch“ gemacht. Male beispielsweise gemeinsam ein Bild und lasse absichtlich eine Sache anders aussehen, als sie eigentlich sollte. Oder baue einen Turm und setze einen Stein an eine ungewöhnliche Stelle.
Dann darf das Kind entscheiden: Muss das jetzt korrigiert werden – oder darf der Fehler bleiben? Auch beim Basteln kann daraus ein schönes Spiel werden. Ein Strich ist krumm? Ein Klebepunkt sitzt nicht genau dort, wo er sollte? Ein Tier sieht plötzlich ein bisschen anders aus?
Dann bleibt es vielleicht einfach so. Damit lässt sich besonders mit Kindern üben, die schnell frustriert sind, wenn etwas nicht ihren Vorstellungen entspricht.
Übung 3: Die Frust-Ampel
Für Kinder von ca. 5–10 Jahre
Male gemeinsam eine Ampel auf ein Blatt:
🟢 Grün: Ich kann weitermachen.
🟡 Gelb: Es wird gerade schwierig.
🔴 Rot: Ich brauche eine Pause.
Nun können Alltagssituationen gemeinsam eingeordnet werden: „Das Puzzle klappt gerade nicht.“ Welche Farbe wäre das? „Mein Freund möchte heute etwas anderes spielen.“ Und: „Ich habe meine Hausaufgaben schon zweimal falsch gerechnet.“
Wichtig ist dabei: Die rote Stufe bedeutet nicht „Ich gebe für immer auf“. Sie bedeutet: Ich brauche gerade eine Pause, damit ich danach wieder weiterdenken kann. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Übung 4: Die Drei-Wege-Regel
Für Grundschulkinder
Bei dieser Übung bekommt ein Kind eine kleine Herausforderung. Zum Beispiel einen Bauauftrag, ein Rätsel oder eine Bewegungsaufgabe. Wenn etwas nicht funktioniert, darf es drei verschiedene Wege ausprobieren:
Weg 1: Ich mache es noch einmal.
Weg 2: Ich probiere es anders.
Weg 3: Ich hole mir Hilfe.
Damit lernen Kinder eine wichtige Erkenntnis: Hilfe holen ist kein Aufgeben. Manchmal besteht die Lösung nicht darin, noch länger allein gegen dasselbe Problem anzukämpfen.
Übung 5: Die Frust-Challenge auf der Yogamatte
Für Kinder von ca. 5–10 Jahre
Auch Yoga kann wunderbar genutzt werden, um Frustrationstoleranz zu begleiten. Baue eine kleine Bewegungs-Challenge auf:
Ein Kind versucht beispielsweise, eine Balanceposition zu halten. Zunächst für fünf Sekunden. Dann vielleicht für zehn. Aber: Es muss nicht immer länger werden.
Die eigentliche Aufgabe lautet: Was mache ich, wenn ich das Gleichgewicht verliere? Aufstehen und lächeln? Noch einmal versuchen oder kurz Pause machen?
Genau dieser Moment ist interessant. Nicht das perfekte Halten der Position, sondern der Umgang mit dem Wackeln.
Frustrationstoleranz lernen: Was Erwachsene dabei beachten können
Kinder brauchen keine Erwachsenen, die jede Enttäuschung verhindern. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zutrauen, dass sie kleine Enttäuschungen bewältigen können. Das kann manchmal bedeuten, einen Moment länger zu warten und nicht sofort einzugreifen, nicht jede Aufgabe zu vereinfachen und nicht jede Niederlage sofort schönzureden.
Ein Satz wie: „Das ist gerade richtig ärgerlich.“ kann manchmal viel hilfreicher sein als: „Ist doch nicht schlimm.“ Denn für das Kind ist es in diesem Moment eben schlimm.
Gleichzeitig darf die Botschaft folgen: „Und trotzdem kannst du überlegen, wie es weitergehen kann.“
Beim Umgang mit Frustration kommt es auch auf das Alter an
Ein zweijähriges Kind braucht etwas anderes als ein achtjähriges Kind. Bei kleinen Kindern besteht Frustrationstoleranz zunächst häufig darin, überhaupt auszuhalten, dass ein Wunsch nicht sofort erfüllt wird. Mit zunehmendem Alter können Kinder immer stärker lernen, Strategien einzusetzen: eine Pause machen, einen neuen Versuch starten, Hilfe holen, eine Alternative finden oder die eigene Erwartung verändern.
Deshalb sollte Frustrationstoleranz bei Kindern immer entwicklungsangemessen begleitet werden. Was bei einem Vierjährigen noch viel Unterstützung braucht, kann bei einem Achtjährigen bereits eine selbstständige Strategie sein.
Und wenn die niedrige Frustrationstoleranz sehr ausgeprägt ist?
Eine geringe Frustrationstoleranz bei Kindern ist zunächst kein Grund zur Sorge. Kinder dürfen wütend werden, weinen, aufgeben wollen und enttäuscht sein. Interessanter wird es, wenn die Reaktionen über längere Zeit sehr stark sind, in vielen unterschiedlichen Situationen auftreten und den Alltag des Kindes deutlich beeinträchtigen.
Dann kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen und gegebenenfalls fachliche Unterstützung einzubeziehen. Denn Frustrationstoleranz hängt nicht isoliert von „Erziehung“ ab. Temperament, Entwicklung, emotionale Regulation und unterschiedliche individuelle Voraussetzungen können zusammenspielen.
Frustrationstoleranz fördern heißt: Kindern etwas zutrauen
Kinder müssen nicht lernen, dass Scheitern angenehm ist. Sie dürfen ruhig finden, dass es richtig blöd ist, wenn der Turm umfällt oder die eigene Idee nicht funktioniert. Was sie nach und nach lernen dürfen, ist etwas anderes:
Ich kann enttäuscht sein und trotzdem weitermachen.
Ich kann einen neuen Weg suchen.
Ich kann um Hilfe bitten.
Ich kann eine Pause machen.
Und ich darf auch feststellen: Heute hat es noch nicht geklappt.
Genau darin liegt der Kern, wenn wir Frustrationstoleranz stärken möchten. Nicht darin, Kinder möglichst schnell wieder glücklich zu machen. Sondern darin, ihnen immer wieder kleine, bewältigbare Erfahrungen zu ermöglichen, in denen sie merken: „Das war schwierig. Ich war frustriert. Und ich habe es geschafft, damit umzugehen.“
Und vielleicht ist genau diese Erfahrung langfristig einer der wertvollsten Schätze, die wir Kindern mitgeben können.

















